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Friedliche Fäuste

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In der Boxhalle des SC Colonia Köln fliegen die Fäuste. In der Heimat von Trainer Gregory Tolkovets auch. Tolkovets kommt aus der Ukraine und verfolgt die Entwicklungen mit großer Sorge. Sein Trainerkollege Sergei Bril kommt übrigens aus Russland. In diesen Tagen ist diese Nachbarschaft brisant.

 

Gregory Tolkovets gibt in der Boxhalle des SC Colonia Köln lautstark den Ton an. Der 47-Jährige ist Coach am Bundesstützpunkt „Boxen“ in Köln. Es fliegen viele Fäuste durch die kleine Sporthalle – aber immer nur auf Kommando.

Ganz anders ist das in der Ukraine, dem Heimatland des Boxtrainers. Seit Monaten herrscht dort Ausnahmezustand. Unerwartet kam das für Tolkovets allerdings nicht. „Ich bin jedes Jahr in der Ukraine. Geschäftlich, als Trainer. Wir machen da Turniere, Lehrgänge und natürlich sprechen wir auch mit den Leuten, die dort leben“, erzählt Tolkovets. „So schwer wie in der letzten Zeit, war es noch nie. Es war schwer, aber nicht so schwer wie in der letzten Zeit. Alle haben vermutet, dass so etwas früher oder später passiert.“

Die Ukraine ist dabei auseinanderzudriften

Boxtrainer Tolkovets hofft auf Frieden in seinem Heimatland

Boxtrainer Tolkovets hofft auf Frieden in seinem Heimatland

Friedliche Proteste auf dem Maidan waren der Anfang. Der Unabhängigkeitsplatz im Herzen der ukrainischen Hauptstadt Kiew füllte sich mit Menschen, die sich einen Wandel wünschten. Einen Wandel im Kopf, aber auch einen Wandel in der Politik. „Die Leute, die an der Spitze des Landes standen, unser ehemaliger Präsident zum Beispiel, haben nur für sich und ihre Familien gearbeitet. Die Bevölkerung haben sie nur ausgenutzt“, kritisiert der Ukrainer.

Anstatt gemeinsam für eine bessere Zukunft des Landes zu kämpfen, ist die Ukraine dabei auseinanderzudriften – und das im wahrsten Sinne des Wortes. So haben die Bewohner der Halbinsel Krim in einer politisch und rechtlich überaus fragwürdigen Abstimmung beschlossen, dass sie lieber zu Russland gehören wollen. „Richtig so“, sagt Sergei Bril. Er ist Trainerkollege von Gregory Tolkovets, stammt aber aus Russland.“Die Krim gehört eigentlich zu Russland. Das war früher so, bevor Generalsekretär Chruschtschow die Halbinsel an die Ukraine verschenkt hat. Jetzt war das Referendum und die Mehrheit hat sich dafür entschieden, dass die Krim zu Russland gehört – das ist dann so“, meint Bril.

"Die Krim gehört zu Russland", meint der russische Coach Sergei Bril.

„Die Krim gehört zu Russland“, meint der russische Coach Sergei Bril.

Diese Meinung vertritt auch das russische Staatsfernsehen. In der Realität ist alles um einiges komplizierter – sowohl historisch, als auch wirtschaftlich und politisch. Einen Einfluss auf die kollegiale Zusammenarbeit zwischen dem Ukrainer Tolkovets und dem Russen Bril hat die derzeitige Krise aber nicht. „Wir sehen uns nicht so, dass er Russe ist und ich Ukrainer bin. In erster Linie sind wir Kollegen. Wir sind Freunde. Wir verbringen auch Zeit zusammen mit unseren Familien und das ist bei allen Sportlern so“, sagt Tolkovets.

Trainer wünschen sich „Happy end“

Russen trinken literweise Wodka und Ukrainer essen den ganzen Tag nur Speck – von diesen Klischees halten die Kölner Boxtrainer gar nichts. „Alle trinken Wodka und essen Speck – da gibt es keinen Unterschied. In diesem Bereich nicht“, legt sich Tolkovets fest.

Hält nichts von Vorurteilen: Gregory Tolkovets im Gespräch mit seinem Schützling

Hält nichts von Vorurteilen: Gregory Tolkovets im Gespräch mit seinem Schützling

Harte Schläge, dynamische Bewegungen, schnelle Reaktionen – das wollen Tolkovets und Bril sehen. Aber nur in der Sporthalle. Für die Ukraine wünschen sich beide ein „Happy end“. Im 21. Jahrhundert dürfe es nicht so weit kommen, dass Menschen Krieg führen und sterben, sagt Gregory Tolkovets. „Natürlich wünsche ich mir, dass meine Heimat demokratische Institutionen hat, dass die Menschen dort ruhig und friedlich leben können – das ist zur Zeit die Hauptsache. Bisschen reicher, bisschen ärmer – das ist zweitrangig. Hauptsache friedlich.“

Kollegengespräch mit Claudia D´Avino (Funkhaus Europa)

 

(Beitrag von Vassili Golod)

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